Am Instrument zu sitzen, zu üben, zu wiederholen, zu verfeinern. Das ist die stille Seite von Musik. Keine Bühne, kein Applaus, oft nur du, dein Instrument und deine Gedanken. Zwischen Konzentration und Frust, zwischen Flow-Momenten und Tagen, an denen scheinbar nichts gelingt. Genau hier entscheidet sich, wie weit du mit deinem Instrument wirklich gehen kannst. Nicht nur technisch, sondern auch mental.
Mentale Stärke am Instrument bedeutet, dass du mit dir selbst gut umgehen kannst, wenn es schwierig wird. Dass du fokussiert bleibst, wenn die Motivation schwankt. Dass du aus Fehlern lernst, statt dich in Selbstkritik zu verlieren. Und dass du deine Übezeit so gestaltest, dass sie dich mental stärkt, statt dich auszubrennen. In diesem Artikel schauen wir uns an, wie du deine mentale Kraft am Instrument gezielt aufbaust.
Warum mentale Stärke am Instrument so entscheidend ist
Musikerinnen und Musiker, egal ob im klassischen, populären oder improvisierten Bereich, verbringen einen Großteil ihrer Zeit nicht auf der Bühne, sondern im Übezimmer. Dort werden Technik, Klang, Phrasierung, Rhythmus und Interpretation erarbeitet. Gleichzeitig laufen im Hintergrund innere Dialoge, Bewertungen und Emotionen.
Typische Gedanken beim Üben können sein:
- „Ich sollte längst weiter sein.“
- „Die anderen sind schneller, besser, virtuoser.“
- „Ich darf mir diesen Fehler nicht erlauben.“
- „Ich muss heute unbedingt viel schaffen.“
Diese Gedanken erzeugen Druck, Enge und oft auch körperliche Verspannung. Mentale Stärke am Instrument heißt nicht, dass du diese Gedanken nie wieder hast. Sie bedeutet, dass du lernst, sie wahrzunehmen, zu hinterfragen und zu verändern, sodass sie dich weniger blockieren und mehr unterstützen.
Der mentale Raum im Übezimmer
Aus mentaler und psychologischer Sicht ist dein Übezimmer ein hochwirksamer Trainingsraum. Nicht nur für Fingerfertigkeit, Intonation oder Timing, sondern für emotionale und mentale Muster. Alles, was du hier innerlich trainierst, nimmst du später mit auf Bühne, in Proben, Vorspiele oder Prüfungen.
Deine innere Haltung beim Üben
Stell dir zwei Extreme vor:
- Üben im Modus „ich kämpfe gegen mich selbst“.
- Üben im Modus „ich arbeite mit mir“.
Im ersten Fall bist du streng, ungeduldig und oft gnadenlos mit dir. Fehler sind Beweise für dein „Nicht-genug-Sein“. Du gehst hart mit dir um, hoffst, dass der Druck dich antreibt. Kurzfristig mag das funktionieren, langfristig kostet es Energie, Freude und Gesundheit.
Im zweiten Fall siehst du dich selbst als Partner des Lernprozesses. Du nimmst wahr, wo du stehst, setzt klare Ziele, gehst strukturiert vor und erlaubst dir, Mensch zu sein. Fehler werden zu Informationen, nicht zu Urteilen über deinen Wert.
Mentale Stärke am Instrument entsteht im zweiten Modus. Das heißt nicht, dass du weniger ambitioniert bist. Im Gegenteil. Dein Ehrgeiz wird klarer, gesünder und nachhaltiger.
Perfektionismus und der Umgang mit Fehlern
Musik ist ein Feld, in dem viele früh mit Perfektionismus in Berührung kommen. Sauber spielen, exakt im Tempo, intonationsrein, fehlerfrei. In Prüfungen, Aufnahmen, Konzerten wird stark auf Fehler geachtet. Es ist leicht, daraus abzuleiten, dass Fehler „verboten“ sind.
Mentale Stärke bedeutet nicht, Fehler zu ignorieren. Sie bedeutet, sie präzise wahrzunehmen, ohne dich als Person abzuwerten. Du trennst zwischen:
- der Qualität deines Spiels in diesem Moment.
- deinem Wert als Mensch.
Das ist ein zentraler Punkt, den ich in der Arbeit mit Musikerinnen, Musikern, Studierenden und Profis immer wieder erlebe. Wenn du diese Trennung klarer spürst, kannst du viel entspannter und gleichzeitig fokussierter arbeiten.
Mentale Werkzeuge für deine Übepraxis
1. Klare Übeziele statt „ich muss viel schaffen“
Ein häufiger mentaler Stolperstein ist ein unscharfer Übeauftrag. „Ich muss heute viel machen“ erzeugt Druck, ohne Klarheit. Besser ist es, pro Übeeinheit zwei bis drei konkrete Ziele zu definieren.
Zum Beispiel:
- „Im ersten Teil arbeite ich an Intonation und Klang dieser acht Takte.“
- „Danach konzentriere ich mich zehn Minuten auf Rhythmus und Timing in dieser Passage.“
- „Zum Abschluss spiele ich einmal locker durch, ohne Bewertung.“
Mit solchen Zielen schaffst du mentale Orientierung. Du weißt, warum du was tust. Das reduziert inneren Stress und stärkt dein Selbstvertrauen.
2. Atemtechniken für Fokus und Entspannung
Auch am Instrument ist die Atmung dein ständiger Begleiter. Sie beeinflusst Spannung, Klang und Bewegungsqualität. Viele Musikerinnen und Musiker atmen beim Üben unbewusst flach oder halten den Atem an, vor allem in schwierigen Passagen.
Eine einfache Atemtechnik für zwischendurch:
- Lege dein Instrument für einen Moment ab oder lasse es locker in der Hand.
- Atme ruhig durch die Nase ein und zähle dabei bis vier.
- Halte den Atem zwei Sekunden.
- Atme durch den Mund bis sechs oder acht aus.
- Wiederhole das fünf bis sechs Atemzüge lang.
Diese kurze Pause wirkt wie ein mentaler Reset. Du unterbrichst mögliche Frustspiralen und gibst deinem Nervensystem die Chance, sich zu regulieren.
3. Selbstgespräche am Instrument bewusst gestalten
Wie sprichst du innerlich mit dir, wenn du übst? Sätze wie „das kannst du immer noch nicht“, „jetzt reiß dich zusammen“, „das wird nie was“ sind mentale Giftpfeile. Sie untergraben dein Vertrauen und verstärken Versagensängste.
Versuche, deine inneren Sätze bewusst zu verändern:
- „Ich schaue genau hin, was hier schwierig ist, und arbeite Schritt für Schritt daran.“
- „Ich darf Fehler machen, während ich lerne.“
- „Ich bin auf dem Weg, nicht am Endpunkt.“
Diese Sätze klingen vielleicht zunächst ungewohnt, besonders wenn du innerlich sehr streng sozialisiert wurdest. Mit der Zeit können sie jedoch eine neue innere Haltung etablieren.
4. Visualisierung und innere Klangbilder
Musik lebt von inneren Bildern und Klangvorstellungen. Wenn du nur mechanisch spielst, ohne inneres Bild, wird dein Spiel technisch, aber oft leer. Visualisierung hilft dir, Klang, Bewegungsabläufe und musikalische Gestalten innerlich vorzubereiten.
Konkreter Ansatz:
- Bevor du eine Passage spielst, stelle dir ihren Klang innerlich vor.
- Stelle dir vor, wie deine Hände, Finger, Arme die Bewegung flüssig ausführen.
- Nutze Bilder. Zum Beispiel Wasser, das fließt, eine Linie, die sich aufbaut, ein Gespräch zwischen zwei Stimmen.
Dein Gehirn und dein Körper bekommen so eine Art „mentale Partitur“, der sie folgen können.
Umgang mit Frust, Rückschlägen und Formtiefs
Wenn das Üben stockt
Es gibt Tage, an denen scheinbar nichts funktioniert. Der Ton klingt nicht, die Finger sind „schwer“, der Kopf ist voll, der Körper müde. Wenn du solche Tage nur als Beweis für dein Scheitern interpretierst, entsteht eine belastende Spirale.
Mentale Stärke bedeutet hier:
- den Zustand ehrlich wahrzunehmen.
- gegebenenfalls das Ziel der Einheit anzupassen.
- bewusst auch einmal früher aufzuhören, statt dich kaputtzuüben.
Du darfst dich fragen:
- „Was brauche ich heute wirklich?“
- „Was wäre ein realistisches Übeziel für diesen Zustand?“
- „Was könnte mir helfen, in einen anderen inneren Zustand zu kommen?“
Vergleich mit anderen
Gerade in Ausbildungsinstitutionen, Musikschulen, Konservatorien, Universitäten (zum Beispiel Universität Graz, Universität Salzburg) ist der Vergleich mit anderen ständiger Begleiter. Wer übt mehr, wer ist virtuoser, wer hat welche Auftritte oder Wettbewerbe gewonnen.
Vergleich kann anspornen, führt aber oft zu Selbstentwertung. Mentale Stärke heißt, deinen Vergleich bewusst zu steuern. Frage dich:
- „Mit wem vergleiche ich mich und warum?“
- „Was lerne ich aus dem Vergleich konstruktiv?“
- „Wo wäre es hilfreicher, mich mit meinem eigenen Weg und Fortschritt zu vergleichen?“
Verletzungen, Schmerzen und Überlastung
Musizieren ist körperlich anspruchsvoll. Falsche Haltungen, einseitige Belastungen, zu wenig Pausen, zu hoher Druck führen schnell zu Schmerzen oder Überlastungen. Wenn du diese Anzeichen ignorierst, riskierst du langfristige Probleme.
Mentale Stärke bedeutet, auch hier Verantwortung zu übernehmen:
- Warnsignale des Körpers ernst zu nehmen.
- rechtzeitig fachliche Unterstützung zu holen, medizinisch und therapeutisch.
- auch deine mentale Haltung zu Arbeit, Leistung und Pausen zu reflektieren.
In meiner Arbeit mit Musikerinnen, Musikern, Leistungssportlerinnen, Leistungssportlern und Führungskräften erlebe ich immer wieder, dass ähnliche Muster zu Überlastung führen. Hoher Anspruch, geringe Selbstfürsorge, wenig Grenzen. Hier können Coaching, Supervision und psychosoziale Beratung wichtige Korrekturen ermöglichen.
Resilienz am Instrument: Was dich langfristig trägt
Resilienz bedeutet, dass du auch nach schwierigen Phasen wieder in deine Kraft findest. Dass du Rückschläge nicht als Endpunkt, sondern als Teil deines Weges verstehst. Am Instrument spielt Resilienz auf mehreren Ebenen.
Emotionale Resilienz
Du entwickelst die Fähigkeit, mit Enttäuschungen, Kritik, Absagen und eigenen Fehlern so umzugehen, dass du nicht innerlich zerbrichst. Dazu gehören:
- ein wohlwollenderer Blick auf dich selbst.
- die Fähigkeit, Hilfe anzunehmen.
- Räume, in denen du Emotionen ausdrücken kannst.
Mentale Resilienz
Du schaffst dir Routinen, die dich tragen:
- klare Übestrukturen.
- regelmäßige Reflexion deiner Entwicklung.
- bewusste Arbeit mit Selbstgesprächen, inneren Bildern und Zielen.
Soziale Resilienz
Du baust Netzwerke und Beziehungen auf, die dich unterstützen, statt dich zusätzlich zu schwächen. Das können Lehrende, Kolleginnen, Kollegen, Familie, Freundeskreis oder professionelle Begleitung sein.
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Wenn du merkst, dass du dich beim Üben oder in Prüfungs- und Auftrittssituationen mental immer wieder im Kreis drehst, ist es sinnvoll, dir Unterstützung zu holen. Das kann über Mentalcoaching und auch hypnosystemische Arbeit geschehen.
Typische Anlässe:
- starke Auftrittsangst oder Prüfungsangst.
- anhaltende Selbstzweifel trotz hoher Leistung.
- Überforderung, Erschöpfung, das Gefühl, „leer“ zu sein.
- Konflikte mit Lehrenden, Kolleginnen, Kollegen oder im Ensemble.
- Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, wenn es um Übezeiten, Anforderungen oder Erwartungen von außen geht.
In einem professionellen Setting können wir deine Situation sortieren, Ressourcen aktivieren und neue Strategien entwickeln, die zu dir, deinem Instrument, deinem Kontext und deinen Zielen passen.
Konkrete nächste Schritte für deine mentale Stärke am Instrument
1. Analyse deiner aktuellen Übekultur
Beantworte dir schriftlich:
- Wie gehe ich innerlich mit mir um, wenn ich übe?
- Welche Gedanken tauchen besonders oft auf?
- Wie fühlt sich mein Körper nach einer typischen Übeeinheit an?
2. Setze dir pro Einheit zwei bis drei konkrete Ziele
Schreibe vor dem Üben kurz auf, was du heute erreichen möchtest. Klein, präzise, realistisch. Zum Beispiel:
- „Takt 12 bis 20 im mittleren Tempo sauber koordinieren.“
- „Zehn Minuten nur an Klangführung im Pianissimo arbeiten.“
- „Eine Passage bewusst mit freier Atmung spielen.“
3. Integriere Mikro-Pausen mit bewusster Atmung
Lege in längeren Übephasen alle zehn bis fünfzehn Minuten eine kurze Atempause ein. Ein bis zwei Minuten reichen. Du wirst merken, wie sich dadurch dein Fokus und deine körperliche Entspannung verbessern.
4. Beobachte deine Selbstgespräche
Nimm dir vor, während einer Übeeinheit besonders auf deinen inneren Dialog zu achten. Notiere dir nachher zwei bis drei typische Sätze, die du dir gesagt hast. Frage dich:
- „Würdest du so mit einer Freundin, einem Freund sprechen?“
- „Wie könnte eine unterstützendere Version dieses Satzes klingen?“
5. Suche dir bewusst Unterstützung
Überlege, wer dich auf deinem Weg am Instrument mental unterstützen kann:
- Lehrende, die offen für mentale Themen sind.
- Kolleginnen, Kollegen, mit denen du dich ehrlich austauschen kannst.
- professionelles Mentalcoaching, Online-Coaching, Supervision oder psychosoziale Beratung.
Mit mentaler Stärke am Instrument legst du das Fundament dafür, dass du deine Kunst langfristig mit Freude, Tiefe und Gesundheit leben kannst.
Fazit: Mentale Stärke am Instrument als Schlüssel für nachhaltige musikalische Entwicklung
Deine Beziehung zu deinem Instrument ist etwas Besonderes. Sie begleitet dich oft über viele Jahre oder Jahrzehnte. Mentale Stärke am Instrument hilft dir, diesen Weg bewusst, gesund und erfüllt zu gestalten. Sie schützt dich vor Überforderung, lässt dich besser mit Druck und Vergleich umgehen und ermöglicht dir, deine künstlerische Stimme klarer zu hören und zu zeigen.
Wenn du bereit bist, nicht nur deine Technik, sondern auch deine innere Haltung zu trainieren, entsteht ein kraftvoller Synergieeffekt. Dann wird jede Übeeinheit nicht nur zu einem Training für Finger, Bogen, Atem oder Anschlag, sondern auch zu einem Training für deine mentale Resilienz, deine Selbstfürsorge und deine innere Freiheit. Gerne begleite ich dich auf diesem Weg.
Michael Deutschmann, MSc
Zert. Change-Manager, Akad. Mentalcoach & Supervisor
Persönlichkeits-, Team- & Organisationsentwicklung
6432 Sautens | Dorfstraße 88
Ötztal | Tirol
Mental Austria – Mentalcoaching & Supervision
Psychologische Beratung – Psychosoziale Beratung
Businesstraining . Vision Michael Deutschmann KG
Unternehmensberatung
Herzliche Grüße
Michael Deutschmann, MSc
Akad. Mentalcoach & Supervisor















































